PARIS 05 Marie Antoinette Estate
Zu meiner grossen Freude war auch Sabs zeitgleich zu mir einige Tage in Paris, und wir haben uns natürlich gleich zusammengetan und mehr erlebt, als auf eine Kuhhaut geht. Zudem recherchieren wir wie verrückt für unsere neue Brochure of wonderful People, die dieses Mal eher Buchformat bekommen wird…
Die Brochures sind sozusagen die Publikation unseres verschworenen 2-Personen-Fanclub für unserer Meinung nach über alle Maßen faszinierende Menschen. CHARLES DE BEISTEGUI, der exzentrische Millionär war einer der von uns verehrten Personen, und Sabs hatte vor ihrer Anreise herausgefunden, daß knapp 50 Kilometer vor Paris eins seiner Anwesen gelegentlich zu Besichtigung geöffnet ist. So gab eins das andere und Frau und Herr Fanzine-Redakteur saßen im Mietwagen und fuhren Richtung Luxus und Exzentrik.


Das Anwesen gibt es wirklich, und man sieht einige der von Beistegui im riesigen Garten errichteten eklektizisitsch zusammengewürfelten Monumente, aber wir hatten Pech, das Anwesen war geschlossen. Nach bitteren Tränen und einigen Versuchen, durch irgendwelche Löcher und Ritzen doch noch einen Blick auf die ersehnte Anlage zu erhaschen sind wir entschieden (wie ja auch sowieso noch geplant) nach Versailles zu fahren, um das gerade erst renovierte und eröffnete Marie Antoinette Estat zu besichtigen.
Marie Antoinette verweilte hier, um ein bisschen Ruhe zu haben, empfing Freunde und pflegte ihre Gesundheit. Versailles verschlägt einem ja schon den Atem, die Dimensionen sind übermenschlich und atmen Macht in vollen Zügen, aber das Marie Antoinette Estate schlägt dem Fass den Boden aus!!

In einem weitläufigen und wunderschönen Gelände wurde dort vor über 200 Jahren das ultimative Luxus-Disneyland errichtet, es muß nicht erwähnt werden, daß Theme-Parks und deren Vorläufer zu einem meiner Hauptbeschäftigungsfelder zählen, dementsprechend sprachlos stand ich in dieser fantastisch rekonstruierten Anlage. Zutritt erhielt man zu Marie Antoinette´s Zeiten nur auf ihre ausdrückliche Einladung, ansonsten diente die Anlage der Möglichkeit sich aus der höfischen Welt voller Formalien zurückzuziehen….

Man wandelt zuerst durch geschickt und elegant angelegte Landschaftsgärtnerei, ein englischer Garten mit einer Vielzahl heimischer und exotischer Anpflanzungen empfängt den Gast oder die gestresste Herrscherin. Die Anpflanzungen sind unglaublich raffiniert angelegt, von jeder Ecke strömt ein anderer Duft, leuchtet ein anderes Grün, spendet eine andere Pflanze kühlen Schatten. Allein diese kontrollierte Naturinszenierung ist so überwältigend schön, so verfeinert, daß man dort Wochen verbringen möchte. Man wandelt weiter und gelangt zu einer künstlichen Felsenformation mit kleinen Durchgängen und einem Wasserfall, der zu einem kleinen Bach wird.

Die perfekte Idylle. Ein kleiner Tempel folgt dem kühlen Wasserspiel und wie das alles in die Anpflanzugen integriert ist, wie sich Licht und Gerüche abwechseln, das ist so hochgradig stimulierend, man gerät förmlich in Verzückung.

Den Höhepunkt der Anlage bildet dann jedoch „Le Hameau de la Reine“, ein künstliches Dorf, angelegt um einen kleinen See. Marie Antoinnette hatte Jean Jaques Rousseau gelesen und folgte seiner Idee einer Rückkehr zum “natürlichen” Leben. Allerdings auf eine hochgradig artifizielle Art, sie ließ ein pittoreskes ländliches Dorf errichten, in dem sie wandelte und Freunde empfing. Die gesamte Anlage wurde von Hubert Robert entworfen und von einer Unzahl von Handwerkern und Künstlern unter der Leitung von Richard Mique erbaut.

Hubert Robert-Malerei
Fünf Gebäude dienten der Königin und ihren privaten Gästen als Aufenthaltsorte, vier waren von “echten” Dorfbewohnern bevölkert, in einem weiteren Gebäude wurden Gerichte, Snacks und Erfrischungen bereitet und dann nach Bedarf der vom natürlichen dörflichen Leben hungrig gewordenen Königin serviert.
Dieses künstliche Kleinod ist so perfekt und so idyllisch, es ist ein real-life Arkadien. (Ich schätze mal der Rest von Marie Antoinettes Umgebung nicht minder). Man spaziert durch Hubert Roberts idealisierte Version einer ländlichen Welt, alles duftet, summt, zwitschert, der Wind säuselt und jedes Häuschen bietet Rast oder Abenteuer, je nach Bedarf.
Es liegt nah, Vergleiche zu modernen Rückzugsräumen wie Michael Jackson´s Neverland Ranch zu ziehen, ich habe ja in meiner Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst schon einmal eine Arbeit über solche idealisierten Rückzugswelten gezeigt, und Marie Antoinettes Land-Idyll ist Wasser auf meine Mühlen, ich bin total hin und weg…
Wer der französischen Sprache mächtig ist, kann hier etliche sehr interessante Podcasts zu den Anlagen runterladen.
Sabs und ich sind nun wirklich wirklich gespannt auf Sophia Coppola´s Marie Antoinette Film..Frau Coppola wurde ja ebenfalls mit einem diamatenen Löffel im Mund geboren und bewegt sich in einer modernen Variante eines Marie Antoinette-Lebens, weshalb ihre Filme auch immerzu von der Leere, Langeweile und Depression des Spoilt Childs handeln. Ich habe “Virgin Suicides” geliebt, “Lost in Translation” gehasst und nun bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, was Madame diesmal an Luxus-Depression zaubert. Der Trailer ist jedenfalls enorm vielversprechend, und nach unserem Besuch des Estates, sind Sabs und ich überzeugt, daß
a) Sophia Coppola zumindest Mitglied in einer irren weltumspannenden und krassen Geheimloge sein muß, um an Drehgenehmigungen in Versailles etc.. zu gelangen
b) Der Film zumindest unfassbar gut aussehen wird.
c)Sophia Coppola es aber trotz Omnipotenz auch nicht leicht hat, wir aber trotzdem keine Beschwerden hören wollen.
This entry was posted on Montag, Juli 10th, 2006 at 12:59 and is filed under RESEARCH.








Juli 10th, 2006 at 14:04
Man sollte vielleicht bezüglich S. Coppola noch darauf hinweisen, daß “Lost in Translation” ein grandioses Mißverständnis ist. Was auf der DVD als “Making Of” bezeichnet ist ist nämlich der eigentliche Film: 45 Minuten Sofia-Popstar-Coppola pur. Hach! Daß der “fake-film”, der angeblich im Verlauf dieser grandiosen Sophia-Show produziert wurde, von einem sensationsgeilen Cutter zu einem 90minütigen Film zusammengeschnitten wurde (”Lost in Translation”) und später mehr Furore machte als das eigentliche Projekt (”Sofia!Sofia!Sofia!”), entbehrt nicht einer gewissen, tragischen Ironie.
Juli 10th, 2006 at 14:24
Dearest Sean Twice! Ein guter Tipp, ich glaube, so finde ich einen neuen Zugang, ich flitze gleich in die DVD-O-Thek und schau mir den eigentlichen FIlm an! Merci! Bin gespannt! (-:
Juli 11th, 2006 at 13:24
Mensch, das ist aber wirklich schön. Ich wünschte, ich wäre dabeigewesen, ganz im Ernst. Kann man da auch schlafen drinne?
Juli 11th, 2006 at 13:31
Ich mochte “Lost in Translation” aber schon, vielleicht bin ich etwas schlicht, besonders Bill Murray’s hilarious karaoke version of ‘More Than This’
Juli 11th, 2006 at 16:16
Dear Pimpernelli! Bill Murray´s Karaoke mochte ich auch sehr gern, außerdem ja ein Super-Lied, aber ich mag z.B. Bill Murray an sich nicht, es ist vertrackt. Ich glaube man kann schon da drin schlafen, aber nur, wenn man entweder Marie Antoinette oder Sophia Coppola ist, oder sich vielleicht gut versteckt…
Ich wäre dabei!
Juli 12th, 2006 at 1:30
vielleicht suchen wir uns irgendwo ne lose Bodenplatte und wühlen uns ins Erdreich, was meinste, süßer Administrator?
Juli 12th, 2006 at 1:31
Bill Murray ist ja eigentlich Kippenberger, aber ein lieber harmloser Kippenberger. Ich mag ihn ziemlich
Juli 12th, 2006 at 11:03
Ja! (also das mit der Bodenplatte) Sehr gerne! Oder wir bauen uns selbst sowas irgendwohin, das wäre echt WOW.
September 12th, 2006 at 9:27
hallo, hab deinen link von achim reichert, weil er meinte, dass wir ähnliche interessen hätten. das hameau beschäftigt mich in der tat schon lange und ist bestandteil meines gartenarchivs. das perverse daran ist, dass marie antoinette es 1788, also ein jahr vor ausbruch der revolution, fertigstellen liess, und dass die landbewohner als “staffage-figuren” bei ihren besuchen herhalten mußten, während sich die bauern andernorts aufgrund ihres hungers anfingen zusammenzurotten. hubert robert hat die hütten teilweise mit dem hammer und mit hilfe von bemalung künstlich ruiniert, um das “pittoreske” der anlage zu vertsärken. wenn du es nicht schon kennst, solltest du die biografie von stefan zweig über marie antoinette lesen. sie ist besser als sofiasofiasofia…
gruss caro
September 19th, 2006 at 0:17
Hey Caro! Vielen Dank für die Tipps!
Bin gerade im Ausstellungsaufbaustress, melde mich bald länger wieder.
herzlichst
Claus