Jack und Ennis

Es ist ein Phänomen, man wundert sich vorher über die Hundertschaften, die auf Blogs und im Netz immer neue Kritiken und Berichte über ihr Erlebnis im Kino posten, und nun bin ich wohl auch dran, es hat mich erwischt, man kann nicht anders, es muß raus. Was für ein unfassbares Meisterwerk dieser Film ist und wie massiv er nachhallt, wenn man dann aus dem Kino heraustritt! Ich hatte ein melancholisches Rührstück erwartet, ein katharsisches Tränental, und dann sitzt man im Kino und wartet auf genau diese Befreiung, den Knoten, der platzt, so wie man es von Hollywood kennt, man erwartet vielleicht auch eine raffiniert konstruierte Emotionsmaschine, wie sie Lars von Trier so gerne am Zuschauer erprobt, doch Ang Lee vermeidet eben genau diese Trigger, Jake und Ennis´Geschichte erzählt sich ohne Kitsch und gleichzeitig auch ohne Kälte, weder schwellen die Geigen zu sehr, noch werden Figuren analytisch seziert und hinterher hat man all das Geschehene im Kopf, und sitzt da, und es verfolgt einen, sowas hatte ich lange lange nicht bei einem Film. Ich mußte erst einen Tag später heulen, dann aber richtig volle Pulle.
Bbmcover02
Es ist ergreifend zu erleben, wie Lee Bilder von “Natur” und “Kultur” aus den Klauen konservativer Inhaltszuschreibungen befreit. Wird Homosexualität doch gerne von konservativen Hetzern als “unnatürlich” und Phänomen einer dekadenten Kultur stigmatisiert, so dreht Ang Lee die schwule Liebe der beiden als elementaren Teil einer grandiosen und weiten Natur, und verlegt die ach so natürliche Heterosexualität in staubige Blechbaracken und triste stickige Innenräume. Vor der Weite der Berge wird die Liebe der beiden zu etwas so unfassbar verfeinertem, wortkargen, einfach existierendem, daß ich mich sofort nach genau dieser seltsamen spröden Nähe gesehnt habe. Der stets wortkarge Ennis öffnet sich durch Jack´s Liebe, er lacht und tollt mit Jack herum, als sei die Bürde des frühen Elternverlustes von ihm genommen, als dürfe er ein Stück Kindheit nachholen. Erst der kulturellen Moralcodex zwingen sie, sich “unnatürlich” zu verhalten, sich zu verstecken, zu lügen, und ihre Emotionen und ihre Liebe zu verleugnen. Man kommt schnell auf Adornos berühmtes ” Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.” und die zwei tuen einem so unendlich leid, es hat mich regelrecht zerrissen, Ennis in all seiner Beherrschung mit dieser Karte zu sehen, auf der “Verstorben” steht. In einem anderen Blog habe ich gelesen, die Zwei seien typische Beispiele für “Beautiful Losers”, und das stimmt wohl auch. Wie Jack und Ennis einfach durch Zigarettenrauchen reden, wie sie reiten, Bohnen essen, im Zelt kuscheln, das ist einfach eine Wucht, ich wünsche mir ja auch immer wieder so einen knurrigen knuffigen Ennis, weil ich wohl doch eher ein auf Verwirklichung von Träumen ausgerichteter quasseliger Jack bin, was soll man machen, und überhaupt… Jetzt, ein paar Tage später, solange hats gedauert, bis ich wieder klarer denken konnte, habe ich kurz gedacht “Mir hätte auch gut gefallen, wenn der Film mir Mut gemacht hätte, anstatt mich so traurig zu machen.” Und komischerweise tut er sogar das grad auch wieder, ich kann den Soundtrack hören, und irgendwie stehen die Geister von Jack und Ennis hinter mir und das ist nicht traurig sondern die Kraft dieser saukurzen superschönen ersten Wochen auf dem Brokeback Mountain kommt da irgendwie durch und das ist das Schönste überhaupt. Absoluter Film des Jahres und ewige Top Ten und bitte Ang Lee, mehr mehr mehr Filme drehen!!!!
Als Tipp für den After-Film-Seelentrost:
Die ultimative Brokeback Mountain Forum Das Topic “How Brokeback Mountain affected me” hat mich wirklich gerührt.

This entry was posted on Monday, March 13th, 2006 at 1:17 and is filed under LOVES.

10 Responses to “Jack und Ennis”

  1. Bernd Says:

    Ja in der Tat ein großer Film. Auch bei mir in den ewigen Top Ten. Alles was du zum Film sagst ist wahr und richtig. Ich möchte ergänzen das ich die Auslassungen liebe. Die Teile der Geschichte die nicht erzählt werden. Dinge die nur vage angedeutet werden und sich dann manchmal kurz entladen, wie die Küsse beim ersten Wiedersehen, das Schweigen am Telefon wenn Jacks Witwe und Ennis telefonieren, Jacks Mutter, und und und. Werde den Film noch viele Male sehen und ich freue mich jetzt schon auf die DVD.

  2. Michi Says:

    kommt, wir müssen den Bann brechen, ich halt die Spannung nicht mehr aus

  3. andreas Says:

    …na da kann ich aber überhaupt nicht zustimmen!
    mich hat der film nicht berührt. vielmehr hat er mich mit seinem pathos und klischees enorm genervt. überästhetisierte bilder, selbst am bitteren ende.
    die dargestellten frauenbilder zeigen diese als sehr simpel, und nur die mama ist anders…sie wusste es ja immer mit ihrem jungen. und kann sogar noch das blutverschmierte hemd als letztes andenken bieten. wie “schmierig” bÄÄÄh. das gibt es doch ganz andere kaliber des “schwulen films”.
    ausserdem nerven auch die aktuellen interviews der hauptdarsteller in allen gazetten in denen sie betonen wie wichtig und aufregend es ist in die “schwule rolle” zu schlüpfen ohne schwul zu sein. gÄÄÄhn.
    “bareback mountain”…pardon “brokeback mountain”: nein danke
    a

  4. Administrator Says:

    Lieber Andreas.Ich freu mich über Deine wütende Kritik de Films, hätt ich garnicht gedacht.. Die überästhetisierten Bilder finde ich im Gegensatz zu Dir richtig gut, und ich geniesse es, daß “Realismus” oder “Authentizität” bei Brokeback Mountain nicht mit “unterästhetisierten” Bildern gefakt wird, Inszenierung ist doch immer Teil der Filmsprache, und ich finde Ang Lee macht das super. Ich hätte es richtig furchtbar gefunden, wenn das z.B. so “Dogma”-haft gefilmt wäre, oder eben “realistisch”, die Landschaft und die Schönheit der Jungs sind für mich relevante und gut eingesetze Erzählmittel. Die Frauen finde ich auch nicht eindimensional gezeichnet, das Drama betriff sie ja genauso wie die Männer,die übrigens auch ziemlich simpel sind, aber simpel heisst ja nicht doof, und man bekommt den Schmerz auf allen Seiten durchaus mit. Auch die Frauen kommen nicht zu ihrem Glück, versuchen es aber genau wie die zwei Männer, und sind dabei natürlich nicht die Hauptfiguren, aber durchaus nicht flach charakterisiert finde ich. Ich konnte gut mit ihnen mitfühlen. Pathetisch finde ich den Film ganz und garnicht, er ist doch ehr gedämpft, kontrolliert, alle großen Ereignisse werden nicht wirklich gezeigt, geschweige denn ausgeschlachtet, Jacks Tod ist da das beste Beispiel finde ich. Und bei Jacks Mutter und Vater denke ich gleich an meine und viele andere Eltern schwuler Freunde, da ist das sicher nicht so extrem, ich lebe ja auch nicht in der amerikanischen Provinz, aber meiner Erfahrung nach gehen Mütter wirklich offener mit der Schwulheit der Söhne um als Väter, ist das bei Dir anders? Wo Du jetzt aber so geschimpft hast, freue ich mich auf Deine Tipps zu anderen Kalibern des Schwulen Films. Her damit! Love Clausi

  5. DerMoment Says:

    Hallo Clausi!

    Besser spät als nie ;)

    Dein Eintrag zu Brokeback Mountain ist einfach wunder schön geschrieben. Ich kann einfach jeden Satz nur unterstreichen. Mir ging es damals genauso sie Dir - und tut es sogar heute noch, vielleicht etwas anders, hintergründiger, alltäglicher, aber immer noch voller Kraft.

    Du hast auch die Sache mit dem Mut machen angesprochen. In gewisser Weise macht der Film sogar sehr viel Mut. Indem er die Fehler von Ennis und Jack aufzeigt und uns dadurch die Möglchkeit gibt über unser eigenes Leben nachzudenken und den Mut gibt genau diese Fehler nicht zu machen.

    LG DerMoment

  6. Jessy Says:

    Ich finde, das is einer der besten Filme, die es je gegeben hat.
    Schöner hätte man es kaum machen können. DIe Schauspieler passen ideal zum geschehen.

    WÄr auch ein Jake Gyllenhaal Fan is, kann sich gerne in meinem neuen FOrum anmelden

    http://www.boards-4you.de/wbb8/153

    Lg

  7. Administrator Says:

    Dear Jessy!
    Ich bin ganz Deiner meinung, ein Meisterwerk!
    Viele grüße
    Sherlock

  8. Rico Loosli Says:

    Verrückt daß sowas wirklich geschehen ist.

  9. Coach Outlet Online Says:

    Coach Outlet Online

  10. Coach Factory Outlet Says:

    Gaston did say the city of La Vergne made progress under Mayer, but “I think this was not what Steve pictured it to be Coach Factory Outlet.”

Leave a Reply