Claus interviewt Bernhard Willhelm

Mode-Flash!
Hier das (hoffentlich) ganz lustige Interview, daß ich letztens mit Bernhard Willhelm in Paris geführt hab, für die Freunde von der
modedepesche

Claus Richter
Interview mit Bernhard Willhelm, Paris, 2005

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(Shows 2005)
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C: Als erstes wollte ich fragen, ob wenn Du die Sachen erarbeitest/entwirfst, Dir auch eine passende Umgebung dazu vorstellst. Also ob es zu der Kleidung, die Du machst auch eine spezifische Welt gibt, die Dir dazu besonders gut gefallen würde, oder ob die Kleidung sozusagen für die bereits vorhandene Welt gemacht ist?

B:Das Tolle ist ja eigentlich, das Du Kleidung machst, und garnicht weißt, was mit der Kleidung passiert. Das Spannende ist ja, daß es irgendjemand nachher trägt. Also, daß ja diese Kleider, die jetzt hier auf dem Bügel hängen nachher in einer Umgebung herumlaufen, egal wo das ist, aber ich stell mir da jetzt keine besondere Umgebung vor. Ich find ja eigentlich ehr Großstadt interessant.

C: Ah! Das wäre nämlich auch eine Frage, die ich gehabt hätte: Ob Du auch Land magst?

B: Ja ich finde, Kleidung lebt eben mehr in der Stadt. Auf dem Land, da stell ich mir ehr vor, daß es da weniger wichtig ist, und die Stadt , wenn die Leute sich dort begenen, und sich anschauen, ist das eben toll. Und auf dem Land, gut, da passiert das dann am Sonntag…

C: …da macht man sich fein. Oder zum Spazierengehen, zum Beispiel.

B:Hier in Paris findet sowas dann auf einer anderen Ebene statt, zum Beispiel gibt’s eben viele ethnische Kulturen, die Afrikanerinnen putzen sich dann an einem bestimmten Tag raus, die haben dann ihre Turbane auf, die Marokkaner sind dann zu Hochzeiten schön, und die anderen Pariserinnen, wenn die Lust haben, können die auch toll sein!

C:In Wien vor kurzem, zu den Beschneidungsfesten haben die Kinder immer extrem fesche Prinzen-Uniformen an, und sitzen in prächtigen Kutschen.

B: Wow!

C: Das sieht super aus, das ist dann aber natürlich auch so richtige Festagskleidung…

B: Super.

C: Aber a propos Landleben, Tiere hast Du ja jetzt doch auch schon ganz schön viele als Motive gehabt, jetzt gibt’s ja viel Leopard..

B: Ja ich hatte ja eigentlich so einen Traum, …. daß ich der Leopard werde!

C. Oh!
(Gelächter auf beiden Seiten)

B: Ich fänd´s irgendwie ganz interessant, und ich dachte….., ein Leopard ist ja eigentlich ein recht königliches Tier. Zum Beispiel der König in Afrika trägt ja eine Leopardmütze! Ich dachte, auf der einen Seite ist das ja ein sehr feines Tier, sehr elegant, auf der anderen Seite sehr wild und animalisch! Es sind ja ziemlich viele rohe Sachen in der Kollektion drin, und dann aber auch ziemlich viel feine Sachen, und das zusammenzubringen ist dann natürlich ….(überlegt)

C: … der Spaß.

B: … ja, der Spaß. Und die Kontraste, davon lebt ja eigentlich Mode.

C: Was wäre denn das andere Tier? Der Kontrast zum Leopard?

B: Auf der einen Seite, das animalische in der Kollektion ist der Leopard, auf der anderen Seite wollten wir was mit einer Form von Performance machen. Das war dann auch Teil der Show, mit den Bällen.
(Am Ende der Show hüpfen junge Darsteller mit Tiermützen und auf Hüpfbällen in die Arena und schreien wie am Spieß.)

C: Das war ganz toll.

B:Und wir haben auch sehr viel an der Prints gearbeitet, und das sind eigentlich Performance-Prints. Da sind unsere Leute vom Studio und aus der Produktion auf den Stoffen abgebildet, damit haben wir diese Stoffdrucke gemacht.

C: Und Ihr seid ja selbst auch alle auf den Drucken abgebildet.

B: Ja, so kann man uns auch tragen, die Jacken sind ja mit uns gefüttert, zum Beispiel.

C: Völlig andere Frage: Würdest Du auch für Kinder entwerfen?

B: Ja, ich find Kinder grundsätzlich toll, und ich würde das machen, aber ich glaub, daß es eigentlich keinen Sinn macht. Kinder müssen sich bewegen, so ein Kind ist ja keine Anziehpuppe.

C: Ich komme drauf, weil das Thema dieser Augabe der Mode Depesche „Luxus“ ist, und das ist ja ein klassisches Luxusphänomen, daß dann Kinder oft nach den Luxusvorstellungen ihrer Eltern angezogen und rausgeputzt werden.

B: Ja, das ist mir eigentlich fremd. Das ist nicht so meine Welt, die Kinder da…
Ich hab grad ein Dritte-Welt-Projekt für Peru gemacht, da haben wir für eine Schulklasse Uniformen gemacht. Das Projekt heisst Misericordia, die Kollektion wird jetzt auch verkauft, das war jetzt zum Beispiel das erste Projekt, wo Kinderkleidung von uns verkauft wird…
Unsere Kleidung für Miserecordia ist für Schulklassen, genäht wird dann auch in Peru, so daß dort Jobs entstehen, und gleichzeitig die Kinder eine Uniform haben, und das waren dann in unserem Fall Jogginganzüge mit Hasenohren.

C: Ich fand schon die Mützen mit den Ohren so toll bei den Hüpfbällen!

B: Ja, genau so.

C. Das findet man als Kind doch wahrscheinlich super, also ich hätte das total super gefunden.

B. (lacht)

C. Ich hätts garnicht mehr ausgezogen.

B- (lacht)

C. Hast Du eine Lieblingsepoche, eine historische Epoche, in Bezug auf Stil oder Mode, irgendwas wo Du denkst: „Ha! Fantastisch!“?

B: Ich entdeck da immer bei jeder Kollektion eine andere…Ich find grundsätzlich aus der Historie alles gut. Grad, weils so ungewöhnlich ist, man muß sich ja nur mal vorstellen, die sahen ja manchmal wirklich aus wie Außerirdische, und auch der Aufwand der dahinter steckt ist extrem im Vergleich zu heute, wo ja keiner mehr sich richtig Zeit nimmt. Damals gab´s eben noch Zeit. Es ist eigentlich nicht das Problem, daß die Mode verlorengeht, sondern die Zeit. Daß alle so im Arbeitsleben stecken.

C: Ja, es wäre spannend, wenn die Welten sich da wieder mehr annähern würden, Arbeitswelt und Mode. Viele Leute kaufen sich dann halt was cooles für nach der Arbeit.

B: Ja, daß man Mode genießt, und genießen kann, das machen die Leute nach wie vor, aber auf einer anderen Ebene eben, auf einer Konsum-Ebene, und damals war´s eben mehr auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, da gab´s eben den Schneider, oder den Hausschneider, der hat das dann genäht.

C: Das ist aber auch ganz schöner Luxus…

B:Ja, und eigentlich auch toll!

C:Ich bin ein großer Fan von Fans, die sich SciFi oder Animé Kostüme nachbauen, weil da auch so eine Begeisterung dahintersteckt, eine Idee von: Das will ich sein. Ich genieße extrem, daß da oft die Grenze einfach so überschritten wird, daß die Leute wirklich zu einem Teil auch diese Figuren werden.

B: Ja, das ist ja auch das Tolle an der Mode, die Fantasie, die Du hast, kannst Du entwerfen und real werden lassen. Man fühlt sich dann eben z.B. wie jemand anderes, und das ist einfach ein tolles Spiel mit der eigenen Persönlichkeit, und das ist einfach….geil!

C. ja, find ich auch!

B: Das Wort „geil“ ist eh gut!

C: Was noch eine Frage ist, die mir unter den Nägeln brennt: Könntest Du Dir ein Bernhard-Willhelm-Parfum vorstellen?

B: Klar!

C: Und wie wäre das? Hast Du schon eine Idee?

B: (überlegt) ….. Spritzig!

C. Spritzig!! Das wird ein Renner. (Beide lachen) Und der Flacon? Fantastisch?

B: Nee, geil!

C: Geil!

C: Und nochmal zurück zu der Umsetzung von Ideen, zur Realisierung von Fantasien. Merkst Du Momente, an denen es schwierig wird, Dinge zu realisieren?

B: Ja, das ist eben der Prozess. Eine Kollektion braucht ein halbes Jahr, und die Idee vom Anfang kann sehr abstrakt sein. Genau diese Entwicklung bis zum Ende, das ist eigentlich der Prozess, der mir am meisten Spaß macht, daß eine Idee lebendig wird, daß man das zum Schluss ja dann anfassen kann. Das braucht eben sechs Monate, und das hat was sehr befriedigendes.

C: Und ist das ganz ungebrochen? Man muß wahrscheinlich doch der Realität sozusagen Tribut zollen, daß es einfach manche Sachen gibt, die so nicht gehen, daß ein Stoff nicht so fällt, wie man gedacht hat, oder solche Dinge,

B: Ja, es gehen immer Sachen auch schief, und es gibt auch Sachen, die werden überhauptnix, das ist manchmal Zufall. Ich glaube, daß auch Kunst sehr viel eben Zufall ist. So ist das bei den Klamotten auch, bei den Klamotten steckt ja auch viel Handwerk dahinter. Also d.H. man kann das ziemlich gut beeinflussen, wie der Stoff fließt, was für ein Stoff für was ausgewählt wird, usw…Im Laufe der Jahre merkt man das immer schneller, es ist einfache ein Handwerk, das Schneiderhandwerk.
Mit was wir dieses Mal viel gearbeitet haben, waren die Schnitte, ich habe zum ersten Mal asymetrische Sachen gemacht, und die Asymetrie ist sehr schwierig, weil sich das schlecht beeinflussen läßt, und der Körper ja eben nicht asymetrisch ist.
Die Idee von den meisten Schnitten war einfach : Quadrate mit Schlitzen. Und die Schlitze, da werden dann später eben wieder verschieden Ecken aufeinander gebracht. Es gibt Einschnitte, und das wird dann wieder neu zusammengenäht. Die meisten Sachen entstehen so also aus einem quadratischen Stück Stoff.

C: Und wie war da der Prozess? Habt ihr viel ausprobiert?

B: Wir haben viel ausprobiert, ja. Viele Quadrate zerschnitten!
(beide lachen)

C: Viele Schlitze gemacht!

B:Genau.

C: Gibt es Leute, die NICHT Bernhard Willhelm tragen sollten? Wo Du das blöd findest, Dir das vorzustellen?

B: Die NICHT Bernard Willhelm tragen sollten? (Überlegt)

C: Ich kenn das von der Kunst, daß man manchmal denkt, Oh Gott, die sollen das jetzt bitte bitte nicht haben!

B: Ja, klar, Mode als Status an sich, das hat mich nie interessiert. Und „Power“. Leute, die das aus dem Grund tragen würden, aus Status und Power, das fänd ich nicht toll.

C: Dein erstes Sex-Symbol?

B: Sex Symbol, hmm…das ist Schwierig“ Vielleicht King Kong, den fand ich super, den Affen! Hat ja auch was sexuelles.

C:Hast Du vor irgendwas beim Arbeiten Angst, hast Du Sachen, die Du vermeidest, wo Du aufpasst, daß Du es nicht machst?

B:Ich versuche immer im Rahmen unserer Möglichkeiten zu bleiben. Also ich würde jetzt nie was machen, was über unsere Verhältnisse geht.

Da bin ich wahrscheinlich zu protestantisch-deutsch. Also ich wäre niemand, der diesen überschwänglichen Luxus und dieses reine Geldverbraten markiert. Ich bin immer sehr sparsam.

C: Auf dem Weg nach Paris hab ich im Zug auf dem Laptop Muppet-Show geguckt, da ist es ja so: Die Muppet Show ist ja immer verhältnismäßig wild, man checkt aber auch schnell, daß dieser Wildheit eine feste Struktur zugrundeliegt: Es gibt immer Zuschauer und Bühne, immer Kermit und Piggy, Um möglichst große Freiheit zu haben, braucht man wahrscheinlich doch auch die feste Struktur, das ist zumindest sicherlich hilfreich. Hast Du diese feste Struktur, und wie sieht die aus?

B:Die feste Struktur ist natürlich das Team, Mode ist ja immer Teamwork, das bin ja nicht nur ich, der da irgendwie die tollen Sachen zeichnet, das muß ja eben auch ausgearbeitet und gemacht werden. Das ist meine Struktur, wir haben eine Firma hier in Paris, eine in Antwerpen, Paris ist das Kreative, der Showroom, der Verkauf, Antwerpen ist die Produktion. Das sind je drei Leute, also, meine feste Struktur sind sechs Leute….
(kurzes Zwischenspiel mit einer niederländischen Käuferin, Bernhard erklärt die neuen Schnitte auf niederländisch)

B: Natürlich die Reaktionen mitzukriegen ist natürlich toll. Manche finden´s dann z.B. ganz schrecklich, man nimmt das alles schon auch noch sehr persönlich, weil einfach soviel von Dir selber da drinsteckt.

C: Und jetzt bist Du auch noch selber drauf!

B: Ja , da isses eben schon schwierig, da Abstand zu nehmen, und zu sagen:OK, das hab ich jetzt gemacht, und jetzt geht es seinen eigenen Weg, man nimmt das dann schon auch noch mit.. Ich bin dann auch immer nach der Show so: (spielt) „Ach es war wieder nichts, es war wieder schlecht!“ ich bin da immer sehr unzufrieden, und hoffe, daß die nächste dann besser wird.
(beide lachen)

B: Mode ist halt immer so ein Kreislauf, das Du immer denkst, du hast jetzt alles gemacht, was Du wolltest, und…

C: …und dann kommt was Neues!

B: genau.

C: Jetzt habt Ihr ja z.B. ganz schön viel Luxus drin, die Felle…

B: Ja, auf die eine Art sicherlich Reichtum, aber auf unsere eigentlich ehr humorvolle Art . Ich glaub, was dem Reichtum eigentlich oft fehlt, ist ein bisserl Humor, weil es eben wirklich nur um Status geht. Und ich find, eigentlich müßten grad die reichen Leute über das lachen können, Könnem sie aber selber leider nicht, weil sie es halt wahnsinnig ernst nehmen. Es hat so ein bisschen was stocksteifes, und da müsste man eigentlich drüber hinweg.

C: Grad z.B. diese Bänder an den neuen Kleidern, das weckt ja viele Erinnerungen an Reichtum..

B: Ja, Reichtum, Kriegsrömisch, Versace kommt da natürlich mit ins Spiel-

C: Klassisch!

B: ja, klassisch! Ich sag immer, die Kollektion ist noch ein bisschen moderner als Postmodern.

C: Oh! Das ist gut als letztes Wort. Vielen Dank!

Fin

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(Backstage)



alle Fotos: Claus Richter

This entry was posted on Wednesday, March 8th, 2006 at 19:41 and is filed under TEXTS.

8 Responses to “Claus interviewt Bernhard Willhelm”

  1. Feldspat, Says:

    Toll und spannend, genau, gebrochen, ja, genau, Paris! klar…
    Die Jacken sind mit uns gefüttert? Das ist spannend
    Spiel mit der eigenen Persönlichkeit? - na na na ;)

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