IM SCHWEINSGALOPP

IM SCHWEINSGALOPP

From Catwalk to Catwalk mit HEIMAT
Ein Bericht von Claus Richter

Einen ganzen Nachmittag habe ich in Paris der pyramidenförmigen, und mit Gras bewachsenen High-Tech-Halle gegenüber der neuen Nationalbibliothek gewidmet, und als ich am frühen Abend schon leicht klapperig aus meiner Gastwohnung HEIMAT anrief, um zu fragen, wo die Bernhard Willhelm-Show stattfindet, war die Überraschung perfekt, als die Antwort lautete: „In so einer pyramidenförmigen, mit Gras bewachsenen Halle gegenüber der neuen Nationalbibliothek.“ Phantastisch!

Inszenierung
Inszenierung ist, so mag man denken, das A und O einer modernen Modenschau, und ich war überrascht, daß es oft viel weniger spektakulär abläuft, als ich gemeinhin angenommen habe. Tatsächlich stand bei den 6 Schauen, die ich gesehen habe, die Mode im Mittelpunkt. Bewußt theatrale Inszenierungen wie die vor einiger Zeit mal von Alexander McQueen präsentierten Industrieroboterarme, die die weiß gekleideten Models mit Farbe bespritzten, künstlicher Schnee, Sturm oder sonstige Grand- Guignol-Effekte waren nicht zu sehen, die schlichte Inszenierung ist jedoch bei genauerer Betrachtung trotzdem nicht ohne.
Schon der Einlaß, das Karten-vorzeigen und alleine schon die Annäherung an den Selector ist pures Spektakel. Am deutlichsten war dies für mich bei der Viktor und Rolf Schau in einem kleinen, extrem filmisch runtergerockt wirkenden Theater. Schon von weitem sah man eine Menschentraube aus Modestudenten, Schaulustigen und irgendwie nicht mit den begehrten Karten versorgten Interressierten betont lässig eine subtil jedoch total angespannte und jederzeit in Richtung Einlass sprungbereite Menschenmenge bilden. Man ahnt selbst als ungeübter Beobachter schnell, daß es hier um Kleidung geht, da alle Beteiligten entweder betont uninteressiert gekleidet oder aber vollkommen unfassbar overdressed sind. Immer wieder versucht eine Gruppe junger Japanerinnen mehrfach mit einer gewissen Dreistigkeit, sich am Selector vorbeizuquetschen. Der jedoch schiebt diese mit einer distinguirten Ruhe wieder zurück und erst beim 3. oder 4. Mal kommt ihm streng aber sehr ruhig ein kurzes „Non, madame.“ Über die Lippen. Wie ein großer ruhiger Bernhardiner, an dem kleine Yorkshireterrier kläffend vorbeiwollen. Diese Ruhe strahlt der Selector aus.

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Sie werden plaziert
Wichtige Gäste rauschen tatsächlich mit einigen „Excusez moi“ durch die sich mehr oder minder bereitwillig teilende Menge und werden schnell in den exklusiven Bauch des Gebäudes geleitet, während draußen ein ungemütlicher Schneeregen einsetzt.
Es wird weiter mobil telefoniert, Tricks werden ausprobiert, Seitentüren gecheckt, eigentlich kommen auch Fans oft noch herein, kurz bevor es losgeht, sie müssen jedoch dann ganz hinten stehen, auf Zehenspitzen, und es klappt eben nicht immer.
Die, die schon längst in der ersten Reihe sitzen und die, die dann später ganz hinten stehen scheinen mir irgendwie seelenverwand, sie bilden für mich so etwas wie die Enden einer Parabel. Dazwischen sitzen unheimlich viele scheinbar wieder vollkommen uninteressierte Einkäufer und Journalisten. Die Verteilung der Sitzplätze wird von weiteren Selektoren vorgenommen, und diese stehen bis kurz vor der Schau hochkonzentriert, mit nervösen Blicken wie High-End-Drogendealer vor den Sitzplätzen und verteilen das Publikum nach vorher gefertigten Plänen auf den Plätzen. Man wird begrüßt und geleitet: „Hier ist ihr Platz.“ Und sofort weiß man, wie wichtig man ist, wie gut man einkauft, oder wieviel Glück man hat. „Aha. Hier ist mein Platz.“ Die Sitzordnung funktioniert wie ein soziales Rankingsystem, und ich hoffe, daß viele von denen, die hinten auf Zehenspitzen und naßgeregnet mit mir zusammen jede Sekunde dankbar aufsaugen, später, wenn sie dann nach ein paar glücklichen Fügungen in der ersten Reihe landen, wieder dran denken, und die entfernten Bekannten ihrer Freunde, die dann vor der Tür bibbern, zur Seitentür reinschmuggeln.

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It´s lonely at the Top
Bei Viktor & Rolf sitzen die VIPs dann gleich auf der Bühne, überdeutlich exponiert, und dann tritt Tori Amos auf, und spielt ein wirklich sehr sehr bewegendes Klavierstück und singt und verrenkt sich ganz dramatisch, und definiert deutlich eine Stimmung, die ich auf fast allen andern Schauen auch erlebt habe: Melancholie. Bernhard Willhelm und Veronique Leroy waren das strahlende Leben, zwei große „JA“s, während Viktor&Rolf, Veronique Branquhino, Rochas und E.F. Vandervoorst von der Grundstimmung zwischen Melancholie und selbstmörderischer Schwermut pendelten. Mir gefällt das grundsätzlich genauso gut, wie die Inszenierung von Zuversicht und guter Laune, aber daß ein so deutlich mit Identität, Sexualität und Lust verknüpfter Code wie Mode eine solche Schwermut kommuniziert, hat mich doch überrascht.
Rochas, sicherlich die teurste Schau mit dem reichsten Publikum erschein mir wie eine spirituelle Zeremonie, die Models, tatsächlich so dünn wie Stöckchen und riesengroß schritten zu elegischer E-Gitarre über den ultra-ultraklassischen Laufsteg in einem riesigen beheizten Zelt in den Tuilerien. Die gesamte Atmosphäre war wirklich übernatürlich, die strenge Selektion an der Tür, die laute Gitarre, die hochgeschlossenen, wunderschönen und fast viktorianischen Kleider und diese radikale Trennung von Akteuren und Publikum erzeugten wirklich ein Nachbild von fast schon religiöser Hingabe an ein metaphysisches Menschenbild. Ich mußte an David Lynch´s Inszenierung der Bene Gesserit-Schwesternschaft aus seinen 1984er DUNE denken, oder an Peter Jackson´s Elbenvolk. Diese strenge, überhöhende und elegante Inszenierung ist auch eine Inszenierung des Superioren, eine exklusive Ordensuniform der Schwesternschaft der höheren Ebene.
Wenn man später darüber nachdenkt, findet man das dann vielleicht nicht mehr so gut, vielleicht sogar ein bisschen fies, gerade mit der Koppelung an Preise ab 15.000 Euro, aber ich würde lügen, behauptete ich, es ginge keine Faszination von so einer Inszenierung aus.

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But now to something completely different
Bernhard Willhelm hält ziemlich sicher nichts von Überhöhung. Seine Schau findet zu Marschmusik statt, die Models laufen sternförmig hin-und her, man kann selbst entscheiden, welches Modell man länger betrachtet, manchmal grinst eins der Mädchen auch und am Ende der Schau springen ein Dutzend Darsteller mit Hüpfbällen und wahnsinnig schönen Ohrenmützen in die Mitte der Halle und schreien, was das Zeug hält. Hier wird keine Übermenschlichkeit angeboten, sondern flinke Lebendigkeit. Ich habe in Köln mal jemand gesehen, der eine total verdreckte Bernhard-Willhelm-Trainigshose anhatte, das sah sehr gut aus, ich möchte mal jemand sehen, der das mit seiner Rochas-Robe macht.
Ich behaupte, daß man auch sehr gut in einem Bernhard Willhelm-Kleid traurig sein kann, da braucht man gar keine Robe dafür, und selbst wenn man sich jetzt für die Robe entschieden haben sollte, ist es sicherlich auch nicht verboten, sich darin kaputtzulachen. Es bleibt letztendlich dem Träger überlassen, wie er die Vorgabe des Designers weiter mit Leben füllt, und diese Freiheit kann man ja ausgiebig nutzen. Das ist ja das Tolle.

This entry was posted on Tuesday, October 25th, 2005 at 1:40 and is filed under TEXTS.

3 Responses to “IM SCHWEINSGALOPP”

  1. » Blog Archive » Viktor und Rolf bei H und M Says:

    […] Das weiß ja jedes Kind inzwischen, daß Viktor & Rolf jetzt eine Kollektion für H&M herausbringen. Ja und ich gestehe, ich werde mal schnüffeln gehen. […]

  2. hogan shoes Says:

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