FILM in der Kunsthalle Baden-Baden

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KATALOGTEXT (von Fritz Emslander)

Make it real! Eine begeisterte Fanschar versetzt sich im Kino in die visionären Welten von „Star Wars“, „Star Trek“ und „Alien“. Doch mit Macht drängen diese Visionen umgekehrt auch in den Alltag der Fans und inspirieren eine vielfältige Fankultur, mit der sich Claus Richter (geboren 1971 in Lippstadt/Westfalen, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main) als Künstler, Forscher und nicht zuletzt als Fan (der Fans) auseinandersetzt.

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Einen wesentlichen Handlungsträger von Sciencefictionfilmen sieht Richter in fiktiver Technik: Durch ihre scheinbare Funktionalität, bedingt durch eine eigene, auf realem Produktdesign basierende Ikonografie, suggeriere die vorgestellte Technik einen neuen Handlungsraum: die Zukunft. Indem Fans fiktive Technologien, zum Beispiel das Laserschwert aus „Star Wars“, als sogenannte „Prop-Replicas“ so nachbauen, dass diese (etwa in Rollenspielen) benutzbar sind, kommt es zu einer Materialisierung von Fiktion. In Nachbauten werden ganze Räume vom Sciencefiction in die reale Gegenwart transponiert und damit außerhalb der Leinwand verfügbar. Ob mittels einer „experimentellen Archäologie der Fiktion“ (Claus Richter), die in einer paradoxen Verkehrung Teile der Zukunft rekonstruiert, um mehr über diese zu erfahren, oder in Abwandlung des in der modernen Archäologie praktizierten Reenactments, der Reinszenierung von Lebenssituationen und Sozialstrukturen: Fiktionen werden hier zu gelebten Fantasien. In seinen Vorträgen zum Thema spricht Claus Richter von „fiktionsbasierten Realitätskonstruktionen“.

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Richter selbst realisierte anlässlich einer Ausstellung in Frankfurt ein meterhohes LED-Display mit dem Logo „OFF WORLD“, wie es in Ridley Scotts düsterem Sciencefictionklassiker „Blade Runner“ (1982) für außerplanetarische Kolonien warb. Das nach „Mainhatten“ verpflanzte Versatzstück filmischer Fiktion bildete zugleich einen Teil des Settings für eine Videoarbeit: Unter Verwendung verschiedener anderer Nachbauten futuristischer Requisiten (Parkuhren, Ampelanlagen) und Interieurs aus „Blade Runner“ stellt Richters „2003“ die Frage, wie sehr sich unser Alltag heute – wenige Jahre nach dem von Stanley Kubrick vorgestellten Jahr „2001“ – den früheren Zukunftsvisionen bereits angenähert hat. Eine Gruppe junger Leute lebt auf beengtem Raum voller Hightech-Geräte, während im kaum wieder erkennbaren Frankfurter Bankenviertel fliegende Polizeiautos („Spinner“) über den Demonstranten einer rätselhaften religiösen Gruppe patrouillieren. Bezeichnenderweise spielt dann ein fiktives Gerät eine zentrale Rolle, mit dem die Protagonisten anhand ihrer abgetasteten Gehirnströme und der Lasertechnik des „Neuronal Rapid Prototyping“ die Gegenstände ihrer Phantasie materialiseren können.

2003 Startseite

Das unglaubliche Gerät „NRP“ kann als Metapher für das durch die Begeisterung des Fans mobilisierte inszenatorische und schöpferische Potenzial stehen, das Richter so fasziniert. In den Apfel, den das Gerät aus dem Nichts produziert, müssen die Filmdarsteller ebenso wenig beißen wie ein Ausstellungsbesucher die Funktionstüchtigkeit von Richters skulpturalem Replikat überprüfen wollte. Entscheidend ist die überzeugend gemachte Illusion von Funktion. Um diese Illusion aufrecht zu erhalten, beschränke man sich im Zweifelsfall auf den „Standby“-Modus: Der funktioniere zum Glück in beiden Welten.
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Literatur: Interview mit Claus Richter. In: FAIRY TALE MAGAZINE, 1 (2003), S. 26-32; ein Essay Claus Richters für das Kunstforum International ist in Vorbereitung.

This entry was posted on Dienstag, Oktober 25th, 2005 at 0:37 and is filed under SHOWS.

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