Das ICC in Berlin
Scherlock Richter schleicht in seiner Freizeit um Meilensteine futuristischen Designs herum und dokumentiert die von ihm heißgeliebte High-Tech Architektur der 70er und 80er Jahre. Neben dem Besuch des Sufjan Stevens-Konzerts fand ich glücklicherweise etwas Zeit, das ICC in Berlin zu umschleichen, und ich bin erwartungsgemäß begeistert. Mir ist vollkommen unverständlich, daß dieses Bauwerk so in die Kritik geraten ist. So ereifert sich Jörg Sundermeier in der Jungle World: “Wie ein heruntergefallener Kampfstern Galactica liegt es fett neben Funkturm und Messegelände, schaut träge auf eine Kreuzung und zeigt faul dem S-Bahnwirrwarr hinter sich sein Heck. Was auch immer man an Einzelheiten und Details an dem Gebäude wahrnimmt, man vermag es nicht aus seiner Masse zu lösen. Das ICC ist einfach nur schwer, groß, ungrazil.” (Jungle World 19.08.2001) Laut Sundermeier (und etlichen anderen Journalisten, die sich mit den Abrissplänen für das Gebäude beschäftigten) ist das ICC “stur”, es “glotzt” und ist ein “Aluminiumklotz, die Erbauer haben “dumm kopiert”. Man kann jetzt wahrscheinlich auch nicht erwarten, daß da gejubelt wird, von so jemanden, aber ich habe mich über den Text gewundert, denn ich finde das ICC wunderschön und ich habe überhaupt keinen Bock auf blöde grazile Architektur, wer will schon in einem wackeligen grazilen Zitterhäuschen wohnen, ab besten noch viel Glas, dieser Transparenzscheiss, ich bevorzuge Aluminiumklötze!
Die “Junge Welt” bezeichnet das ICC in ihrer Ausgabe vom 07.06.2003 gleich als “ästhetischen Nihilismus” und “Stein gewordene Klimakatastrophe”. Nun ja.
Das ICC wurde 1965 als Idee zu Papier gebracht, 1969 fiel die Entscheidung für den Standort. Architekten waren Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, von denen ich sonst keine High-Tech Entwürfe kenne, nur diesen einen. Am 2. April 1979 wurde das ICC nach zehnjähriger Bauzeit eröffnet. (Baukosten damals: Über eine Milliarde Mark) Das Gebäude ist 320 Meter lang, 80 Meter breit und 40 Meter hoch. Es ist in einer Art “Haus-im-Haus” Technik gebaut, d.H. es ist eigentlich eine mehrschichtige Hülle, wie eine Zwiebel. Das ICC ist zwischen den Schichten und zur Straße hin mit Neopren-Stoßdämpfern versehen. Eine dreigeschossige (!) Brücke verbindet es mit den Messehallen des Ausstellungsgeländes am Funkturm. Innen ist es mit sage und schreibe 80 Sälen ausgestattet. Der “Bankettsaal” hat eine mechanisch von der Decke absenkbare Tribüne mit zusätzlichen 2000 Plätzen. Der normalerweise mit 4000 Plätzen ausgestattete Saal ist so per Knopfdruck in einen Kongreßsaal mit amphitheaterartig ansteigendem Auditorium verwandelbar.
Ich bin bei meinem Scherlock Richter-Ausflug erst einmal nur außen herumgeschlichen, konnte auch kurz ins Gebäude huschen, wurde aber von einem sehr freundlichen Sicherheitsmann wieder rausbefördert, da ich offensichtlich nicht zum gerade stattfindenden Orthopädenkongress gehörte.
Hier nun meine Fotosafari rund um den faszinierenden Bau, die High-Tech Architektur der 70er und 80er ist ja inzwischen quasi für tot erklärt worden, ich habe es mir aber zur Aufgabe gemacht, die Bauten dieser Architekturrichtung nach und nach abzuklappern und ihnen Tribut zu zollen. Mich begeistert die Formensprache dieser Architektur, in der Gebäude wie Organismen oder Maschinen aussehen, in der Funktionssysteme offengelegt werden und in der alles verschiebbar und Variabel ist.
Viele Stars der High-Tech-Architektur wie der frühe Renzo Piano oder Richard Rogers bauen jetzt nach völlig anderen Prinzipien, vermeiden geradezu zwanghaft Diagonalen und sichtbare Tragstreben. Die Renzo Piano Ausstellung, die ich Anfang des Jahres in Los Angeles gesehen habe war für mich richtig traurig, angefangen von den tollen Helixstrukturen und dem Centre Pompidou hin zu diesen neuen Holzbauten und so einem neuen Rechteckbauen, mir wurd ganz elend.
Immer noch großartig finde ich Kisho Kurokawa! Seine Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum hat mich begeistert. Er hat zwar auch einen deutlichen Wandel im Baustil, aber irgendwie wirken auch seine neuen Bauten noch lebendig und organisch, und die alten Modelle des Sony-Turms in Osaka und des Capsule-Hauses in Tokio sind wunderschön.
Hier das ICC:
Im Eingangsbereich gibt es gleich ein Modell des Gebäudes, das sehr gut das Verschachtelungsprinzip zeigt. Ich finde alles wirkt sehr mobil, als ob man es gut ineinanderschieben könnte. Typisch für High-Tech-Architektur: Sichtbarmachung von Funktionsstrukturen, hier die außenliegenden Treppenaufgänge.

Hier die “Rückseite” des Gebäudes mit so einem Treppenaufgang, auch die Tragwerkkonstruktion sieht man deutlich, erinnert an Fachwerk, auch hier sieht man die übereinanderliegenden Strukturen des Baus schön. Lamellenstrukturen wechseln sich mit verschiedenen Alu-Verkleidungen ab, dazu Beton: That´s what I call Beauty!

Die andere Seite, links die Brücke, die auch von Außen begehbar ist. Ich finde, daß High-Tech Architektur immer wunderschön mit Bäumen oder Landschaften zusammengeht, mehr beim nächsten Bericht über das phänomenale Klinikum Aachen.

Der offene Teil der Brücke, inne auch Alu-verkleidet


Und hier: Vom Funkturm aus gesehen. Auch typisch High-Tech: Versorgungskräne auf dem Dach. Very gothic!

Der herbstliche Dachgarten über den Parkdecks. Wie da die Bäume in der sanft ausgeschnittenen Alu-Form stehen!

The last one: Lüftungsanlage auf der “Rückseite”
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Oktober 30th, 2005 at 21:00
danke, sherlock! in dieser fantastischen location wurde auch das futuristische anti disco musical “the apple” gedreht. man sieht darin das zentrum quasi aus allen winkeln!
August 21st, 2008 at 13:57
Ich finde Berlin braucht mehr “herausragende” Architektur.
Dazu zählt mit Sicherheit auch das ICC.
Verbindet es doch eine Vision mit durchaus praktischen Einrichtungen.
So, international betrachtet, lächerliche Ensebles wie den Potsdammer Platz
sind nicht in der Lage zum Gesicht Berlins entscheidend beizutragen.
Wer Berlin zu einer gesichtslosen Flächenstadt verkommen lassen will soll ruhig weiter Gebäude wie den Palast der Republik, den Funkturm etc. abreissen.