Back to the future and back again
Back to the future and back again
Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Science-Fiction-Film Props
Dreams are my reality (revisited)
Als 1983 „Return of the Jedi“, der zweite Nachfolgefilm zu „Star Wars“ in die Kinos kam, hatte ich kurz darauf einen nächtlichen Traum: Ich steckte (zutiefst vom Zustandekommen dieser vermeintlichen Tatsache überrascht) in einer der sexy weißen „Biker-Scout“-Plastikuniformen die ich wenige Tage zuvor auf der Leinwand bewundert hatte. Außer des von mir schon im Kino sehnlichst herbeigesehnten Zustandes dieser spezifischen Uniformierung hatte der Traum keine weitere Handlung. Allein die geträumte Haptik, das Gefühl und der Geruch der Uniform, das gesamte sensorische Feedback waren so unvorstellbar, solch ein freudvolles Hinfällig-werden der von mir vorrausgesetzten Unerreichbarkeit fiktiver Gegenstände, daß mir der Kick dieses Traums bis heute in Erinnerung ist.
Im April des Jahres 2005, ganze 22 Jahre nach diesem Traum, war ich Gast auf der „Star Wars Celebration III“ in Indianapolis und stand dort, umströmt von 35.000 Star Wars-Fans aus aller Welt, ganz real inmitten ganzer Hundertschaften perfekt uniformierter „Biker-Scouts“ und „Stormtrooper“. Nicht nur die Uniformen hatten ihren Weg aus der Fiktion in die Realität gefunden, unzählige weitere Charaktere, seltsamste Tierwesen, Laser-Waffensysteme, ja ganze Raumschiffe waren fünf Tage lang in Indianapolis plötzlich eine Art futuristischer Alltag. All diese surrenden Laserschwerter, glänzenden Uniformen und schnittigen Raumgleiter waren keinesfalls historische Filmrequisiten aus den Star-Wars-Produktionen, es waren Reproduktionen dieser Requisiten, von Fans gefertigt. Fans, die wahrscheinlich alle einmal meinem Science-Fiction-Uniform-Traum ähnliche Träume hatten, und sich irgendwann daran machten, die vermeintliche Grenze zwischen Fiktion und Realität zu untertunneln.
Industrielles Licht und Magie
Film: In den ersten Tagen der Filmgeschichte manifestierten sich zwei Grundhaltungen bezüglich dessen, was man denn nun mit diesem neuen Medium anfangen könne: Die Gebrüder Lumière präsentierten dem staunenden Publikum bewegte Bilder der uns bekannten Welt, während Georges Méliès dem ebenfalls staunenden Publikum ungeahnte Bilder von fantastischen und eigentlich ganz und gar unmöglichen Welten zeigte. Film erzeugt durch die in schneller Abfolge stattfindende Projektion von Einzelbildern den Eindruck von bewegten Szenen, und allein das ist ja schon ein faszinierender Special-Effect, doch Méliès zeigte schon gleich zu Beginn dieser neuen Entdeckung, daß man mit Hilfe von Filmtricks ganz neue Welten visualisieren konnte. Doch das Interesse an aufwendigen technisch erzeugten Fantasiewelten ebbte ab. Als George Lucas 1977 Star Wars in die Kinos brachte, mußte er für die Erschaffung seiner futuristischen Filmwelten weltweit versprengte Special-Effects Experten aus Produktionen wie Kubricks „2001“ und Nasa-Werbefilmen zusammensuchen. Er gründete eine eigene kleine Effektfirma: „Industrial Light and Magic“ (ILM) , heute der Titan unter den Special-Effects-Companies.
Firmen wie ILM bauen, ganz im Geiste Méliès, fantastische Welten für Filme.
Alles was irgendwie vorstellbar ist, kann heute fotorealistisch visualisiert werden, die Grenze der Fantasie liegt nicht mehr in den verfügbaren Produktionsmitteln sondern in der Plausibilitätsvermittlung der dargestellten fiktiven Welten. Kulissen, Kostüme und Ausstattungsgegenstände (sogenannte Props) müssen zwar nicht real funktionieren, sie müssen jedoch so aussehen, als täten sie es. Diese fiktive Funktion glaubhaft zu vermitteln ist eine der größten Herausforderungen an das Production-Design von Science-Fiction oder Fantasy-Filmen. Der eigentlich alltägliche Prozess von Realitätskonstruktion findet im fantastischen Film exemplarisch und unter kontrollierten Laborbedingungen noch einmal unter gezielt anderen Vorzeichen statt. Um fiktive Gegenstände voller fiktiver Funktionen glaubhaft abzubilden, behandeln Production-Designer und Special-Effects-Experten sie wie Charaktere mit Vorgeschichte und Subtexten. ILM beschreibt das so: „With Star Wars, for the first time space hardware was given character. The ships looked space-worn, with holes and dents like the scars on the face of a Western gunman. This is not accidental: the designers and modelmakers were creating models with character, much like an actor might devise a subscript scenario to build on a charcter in a film or play, thinking about skirmishes that are never shown on film. The models are like icebergs, with only a small part showing but giving the impression that there is a lot of history there that we cannot see in the short period of the film.“
It ain´t what you build - It´s the way that you build it
Ralph McQuarrie, zuständig für das Design unzähliger Bauten und Gegenstände (und auch der Uniformen) aus Star Wars arbeitete vorher als Illustrator für die NASA und Boeing. Syd Mead, verantwortlich für das visionäre Design von Filme wie Blade Runner und Tron arbeitet parallel für Firmen wie Phillips oder Sony. Egal ob es sich um einen realen Gebrauchsgegenstand oder eine fiktive Laserwaffe handelt, die Grundlage menschlicher Kreativität ist erst einmal immer Imagination. Imagination ist wiederum stets eine Re-Kombination bekannter Elemente, und so besteht auch die unfassbarste Science-Fiction-Maschine immer aus Bruchstücken realer Technologie. Die klassizistischen Welten der neuen Star Wars Filme sind meiner Ansicht nach zu großen Teilen Lawrence Alma-Tadema´s viktorianischen Vision von Antike entlehnt, „Laufmaschinen“ orientieren sich im Design an Tierformen (AT-AT und AT-ST in Star Wars z.B.), die gigantischen Pyramidenbauten in Blade Runner zitieren aztekische Architektur, usw..
Die kreative Rekombination bekannter Elemente folgt keinen festen Regeln, was funktioniert, und was nicht liegt eher am „wie“ und selten am „was“.
Führenden Filmdesignern wie McQuarrie oder Mead gelingt es, für fantastische Filmwelten fiktive Hardware zu entwerfen, die selbst eine Jahrhunderte in der Zukunft verortete innerfilmische Wirklichkeit plausibel erscheinen läßt.
The World of Make-Believe
Science-Fiction-Filme sind jedoch selbst mit plausiblen Props auf Filmtricks angewiesen, um die Hardware ihrer fiktiven Weltentwürfe glaubwürdig zu inszenieren. „The deception in the trick photograph is achieved by a reconfiguration of the image so the photograph is constituted as an illusion.The trick photograph is deceiving regardless of whether what it depicts is staged or real. The deception is more fundamental than the simple case of reproductive illusion: We are deceived into believing that the photograph is pointing to an object array in the world that is not in fact in the world. However, like the photograph of a staged event that looks real, the trick photograph trades on our understanding that it is a recording of reality in order to deceive us about the nature of reality..“ schreibt Richard Allen in „Projecting Illusion- Film Spectatorship and the Impression of Reality“. Ein gut gebautes Raumschiffmodell mit raffiniert entwickelten Antriebssystemen und minutiös durchdachtem Funktionsdesign fliegt trotz dieser Detailarbeit keinen Zentimeter von selbst, es kommuniziert seine Funktionstüchtigkeit erst einmal nur durch das Design. Noch deutlicher zeigt sich das Problem bei den berühmten Laserschwertern aus Star Wars: Die Metallgriffe, aus denen die Laserklinge auf Knopfdruck emporschnellt verraten in ihrem Design nicht viel über eine vermeintliche Funktion, sie könnten auch exotische MP3 Player oder abgeschraubte Motorradgriffe sein…
Erst die Zuhilfenahme visueller Tricktechnik erweckt die fiktive Technologie dann endgültig zum Leben und ermöglicht die Simulation der Funktionen, die das Filmprop erst jetzt als funktionstüchtiges Element in die innerfilmische Wirklichkeit bettet. Und diese Tricktechnik muß nicht einmal kompliziert sein, oft reicht der gerichtete Blick der Kamera. Um noch einmal Richard Allen zu zitieren:
„A stage set of a city street is a fabrication, but carefully photographed it may look like a real street. The minimal contribution of the photograph, then, is to record an illusion, but it may also contribute to the production of an illusion by representing the phenomena in a way that disguises its fictive status.“
Prop-Replica-Studien
Zurück zur Uniform. Es gibt Science-Fiction-Fans, die auf steinigen Straßen in die Geschichte ihre Lieblings-Fiktion gewandert sind, um mit Hilfe von Videostandbildern, Begleitbüchern, irgendwo entdeckten Blaupausen und viel viel Recherche herauszufinden, wie die Welten gebaut wurden, die sie so faszinieren. Von ihrer Umgebung oftmals als regressiv und eskapistisch stigmatisiert, arbeiten sich diese Experten langsam aber sicher zur Verwirklichung einiger ihrer Träume vor, und sind damit ihren weniger regressiven Zeitgenossen um einiges vorraus. Seit Beginn des Genres bauen Fans Objekte, Kostüme und teilweise ganze Sets aus ihren Lieblingsfilmen nach, inzwischen gibt es etliche Profis im Feld der Prop-Replicas, der Rekonstruktion von Filmprops. Schon zu den ersten Science-Fiction-Literatur-Conventions in den 30er Jahren erschienen Fans im Kostüm ihrer Lieblingshelden. Mit der beginnenden Professionalisierung des Science-Fiction-Filmdesigns in den 70er Jahren wuchsen auch die Ansprüche an die Nachbauten. Inzwischen sind gute Prop-Replicas für Gegenstände aus fast allen großen Science-Fiction Filmen der letzten 30 Jahre entstanden. Das Problem einer solchen Replik ist der Wegfall der Filmwirklichkeit und damit der Funktionstüchtigkeit. Eine Prop-Replica muß zudem der genauen Inspektion eines Betrachters und nicht nur dem gezielt gerichteten Kamerablick standhalten und plötzlich auch in Material und Sensorik einiges mehr leisten als ihre Filmvorlage. (Wenn sie nicht als reines Ausstellungstück geplant ist.)
Prop-Replicas sind daher oft mit mehr „Funktionen“ ausgestattet, als das echte Prop, so stellt die Firma Master Replicas beispielsweise Lichtschwert-Replicas her, die nicht nur eine perfekte Kopie des Lichtschwertgriffs darstellen, sondern mit einer elektrolumineszent leuchtenden Lichtklinge und mittels durch eingebaute Bewegungssensoren zu jedem Schwerthieb passenden Originalsounds die Funktion des Schwerts auch in der konsensuellen Realität recht gut vortäuschen. Andere Replicas wie der legendäre Nachbau der futuristischen Schusswaffe aus Blade Runner durch Richard Coyle und Phil Steinschneider brachten erfolgreich die Taktik des „Reverse Engineering“ in die Praxis des Prop-Replica-Baus ein. Sie recherchierten äußerst zeitaufwendig die Konstruktionselemente der fiktiven Waffe, und fanden nach und nach heraus, aus welchen realen Waffenteilen der Blaster für den Film zusammengefügt wurde. So waren sie in der Lage eine perfekte Kopie zu erstellen und diese quasi von der Leinwand in die Realität zu transportieren.
Auch die von mir bestaunten Bikerscout-Uniformen auf der „Star Wars Celebration III“ waren handgefertigte Einzelstücke, Stück für Stück aus 3 mm dickem ABS Plastik tiefgezogen zeigen sie deutlich, daß fantastische Welten vielleicht doch auch außerhalb der Filmwirklichkeit ganz gut gebaut werden können.
This entry was posted on Montag, Oktober 24th, 2005 at 23:52 and is filed under TEXTS.
November 25th, 2005 at 13:16
[…] und mein Artikel, den man auch hier lesen kann, sieht so aus: […]
April 11th, 2006 at 11:27
8-))
?-O
;-X
April 11th, 2006 at 11:27
;-)